2019 INTO THE WILD

FRANKFURT-HALIFAX
Endlich ist es soweit. Es ist Juni. Abflug nach Frankfurt, Freunde bringen uns nach Nürnberg zum Flughafen. Von Frankfurt aus erreichen wir Halifax in 6 1/2 Stunden. In Nova Scotia müssen wir mit 5 Stunden Zeitverschiebung rechnen. Auto bei Alamo abgeholt, Ein Chevi/SUV wird für die nächsten Wochen unser Gefährt sein.. Übernachtung im Holiday Inn in der Nähe des Flughafens.
TRANSCANADA HIGHWAY
Nach einem plastikreichen Frühstück, allerdings mit ausgezeichneten Waffeln und Sirup geht es los, zunächst nach Truro und von da ab den Transcanada Highway nach Port Hawkesbury. Wir lassen einige wenige Gehöfte hinter uns, eine Industrieanlage, vielleicht Sandabbau? Nach 2 1/4 Stunden sind wir in Port Hawkesbury und steuern gleich mal einen Supermarkt an. Atlantis Market ist gut sortiert und der Einkaufswagen ist übervoll mit typisch nordamerikanischen Lebensmitteln. Brot, Butter, Dip, Cream, Steaks, Salat, Kartoffeln, Eier, Bananen, Chips, Cinemon Rolls, Wasser, Tee. Bier darf nicht fehlen.
ERSTER TAG
Nachts ist es hier stockfinster und vollkommen ruhig. Die Sonne hat bereits den äußersten Fleck unseres Grundstücks erobert. Eine watteweiche Wärme erreicht die Türe zum Deck und lockt nach draußen.
23 GRAD
Ich sitze im Halbschatten der hohen Fichtengruppe und genieße unsere neuen Gartenmöbel. Es ist herrlich warm bei 23 Grad und Südwind. Ein malerisches Bild bietet sich mir. Gerade lässt sich eine Gruppe Möwen auf den steinigen Sandbänken nieder. Ablaufendes Wasser. Das Meer eine funkelnde Fläche. Hier ist wohl der Tisch reichlich gedeckt. Sie fliegen abwechselnd auf und lassen sich an anderer Stelle nieder. Ein Teil erhebt sich kreischend und fliegt flach über dem Wasser die Küste entlang Richtung Osten, einzeln kommen Sie in großer Höhe über mir schwebend zurück. Eine leichte Dünung bringt weiße, schäumende Wellen ans Ufer. Der Himmel - so weit. Eine Waldameise stellt irritiert fest, dass sie nicht da ist, wo sie sein sollte und flüchtet von meinem Stuhl. Unglaublich groß. Bestimmt 12 mm. Es gilt einmal mehr, diese wunderbare Erde zu bewahren.
Hemlocktannen
Heute habe ich zwei Hemlocktanne gepflanzt und dafür schöne Plätze ausgesucht. Fühlt sich gut an. Walter ist verzweifelt, weil er kein passendes Werkzeug hat. Herrlich, leichte Brise bei 20 Grad. Weiße Wolken - Flut. Soeben hat Walter einen Fuchsschwanz gefunden. Ein Anfang wäre gemacht!
MÜCKEN
Über Mücken und all das Viehzeug redet man nicht. Ich schon! Bei verschiedenen Wetterlagen sollte man sich nicht dazu entschließen, abends ungeschützt nochmal vor die Tür zu gehen. Es dauert 10 Minuten, bis sie dich entdeckt haben. Anti Brumm hilft, besser ist Repellent Deep Wood. Wer meint, dass er das nicht braucht, hat lange was davon. Wir haben DIE Baumharzsalbe dabei, mutet quacksalberisch an, hilft aber.
WHITE PAINT
Heute morgen Yoga auf dem Deck. Ich atme ein - ich atme aus - sanfte Stille. Die getankte Kraft für den Tag brauche ich auch! Die weiße Farbe soll an die Wand. Weiß jemand, ob es bleibende Schäden bei Jugendlichen verursachen würde, wenn man diese gerade modernen Querstreifen an den Wänden verbieten würde? Was für eine Schleiferei. Dreimal überstreichen! Ob' s reicht? Während ich streiche, bereitet Walter einen Mittagssnack - natürlich nicht ohne Songs von Jonny Cash.
ANGELGLÜCK
Der Tag beginnt mit einer Attacke von kleinen Fliegen. Wir stehen am Steg, life vests an, die Angel dabei. Francis in Komplettausrüstung, mit Stiefeln bis Oberschenkel. Sieht richtig professionell aus. Wir fahren ein paar Meter mit dem Boot raus. Die erste Angel wird eingetaucht und schwups ist ein Fisch dran. Makrelen. Da hat schon der nächste an Walters Angel angebissen. Francis kommt mit den-Fisch-vom-Haken-nehmen gar nicht mehr nach. Wir haben in kürzester Zeit 20 Makrelen gefangen. Die werden gleich vor Ort ausgenommen. Eine blutige Sache. Wir packen die 4 kleineren ein und legen Sie an den Rand unserer Wiese, für die Adler. Die anderen werden von Brenda zubereitet. "Noon" sollen wir kommen.
NEUMOND
6 Uhr. Wir haben extreme Ebbe und gleichzeitig höchste Flut. Neumond. Gut, um das Segelboot zu Wasser zu lassen. Drei Kraniche frühstücken im Niedrigwasser. Heute geht Walter mit Charlie segeln, 4 Stunden, mit Snack.
Was für ein Tag. Sonne pur bei 26 Grad. Der Atlantik brandet heute an unser Ufer. Leichter Wellengang. 3er Wind von Süden. Ich streiche die Wände vom Gästezimmer. Zwischendurch Pausen auf der Terrasse. Da kommen Sie auch schon vorbeigesegelt! Letztendlich mache ich mehr Pausen, als ich arbeite.
Walter muss nach dieser Tour aufgebaut werden. Das war natürlich ne ganze Menge auf einmal. Die Anforderungen, die Kommandos, das Steuer. Und dann ist da noch Charlie, der Engländer.
Charlie ist drahtig, fit, gelenkig, kräftig und er weiß, wann und wo die nächste Bö kommt - und er hat überhaupt kein Mückenthema! Und er geht barfuß über all die kantigen Steine, dazu das Kanu gestützt über den Kopf tragend! Der Respekt könnte größer nicht sein.
Das beeindruckt schwer und für den Rest des Tages ist Verarbeiten der Geschehnisse angesagt. Der Rücken schmerzt, die Mückenstiche sind heftigst. Die ganze Manpower um uns herum lässt einen gelegentlich als GREENHORNS dastehen.
Dabei kennen die Kanadier witziger Weise diesen Begriff gar nicht! Wohl keinen Karl May gelesen!?
MÄNNER
"Wie sind denn so die kanadischen Männer?" Ich würde sagen, stark verwurzelt mit dem, was sie tun. Richten sich Zeiten ein, für ihre Leidenschaften. Segeln, Motorboot fahren, Fischen, Makrelen, Krebse, Thunfisch, auch schon mal ein Hai dabei. ER beherrscht den Grill. Adler füttern. ER pflegt den ganzen Fuhrpark mit Traktor, Rasenmäher, Truck. Die Garage voll mit kompletten Werkzeug-Ausrüstungen! Und natürlich Arbeiten im Wald. Das wird als Auszeit von Heim und Herd genannt. Des Weiteren werden Bojen gesetzt, Steinaufschüttungen für das Ufer gewälzt. Man fährt mit dem Wohnmobil, größerer Art nach Edward Islands zum Camping an die Strände. Man braucht die Herausforderung. Die Nachbarschaftshilfe ist auch dazu da, dass man endlich zeigen kann, was man zu tun imstande ist. Alles ist irgendwie machbar.
Irgendwann werden wir unsere Stärken auch noch ausspielen können... und schlich davon.
SAILING
Der Tag beginnt morgens um 9:00 Uhr mit einem Hurry Up. Die Handwerker sind bereits da und Francis steht mit seinem Traktor vor der Tür, um das Boot zu Wasser zu lassen. Meine Befürchtungen, dass das schwierig werden könnte, lösen sich in Luft auf. Gezielt und mit großer Sorgfalt wird das Boot auf den einzig möglichen Weg Richtung Wasser gebracht. Die Sache wird souverän gelöst. Da ist kein Zögern, kein Zaudern, kein "May be". Er macht es zu seiner Sache. Erstmal ins Wasser gesetzt, muss einer das Boot halten. Mit Beachsocks, Shorts und Pullover wate ich im hüfthohen Wasser und führe das Segelboot zur Boje. Ohne Wellen, ohne Wind geht das echt ganz leicht! Walter übernimmt und probiert gleich mal bei wenig Wind die erste Seemeile aus... Endlich trockene Kleidung und aus dem Fenster geschaut, segelt Walter schon in Richtung Westen davon. Das Schlauchboot allerdings wirkt irgendwie heimatlos, wie es so ohne Absicht vor sich hin driftet - auch Richtung Westen. Also nochmal rein in den Atlantik und das Schlauchboot gerettet. Man könnte es evtl. auch an der Boje festbinden!
Abends braucht ein Held Abendbrot. Wer ist hier der Held? Jeder will Held sein! Jeder ist Held!
VON STEINKLÖTZEN MIT LOCH
Mittag kommt eine leichte Brise auf. Das Boot schaukelt heftig in der Brandung. Und da trauen wir kaum unseren Augen. Die Boje ist mitsamt der Muring und dem Boot nach rechts gewandert. Ca. 30 Meter. Und der Wind zerrt weiterhin an der Leine. Die Einkaufsliste muss warten, erstmal umziehen und ab ins Wasser. Und weil es schnell gehen muss, ziehe ich neben der Badekleidung noch ein langes Unterhemd und einen Pullover darüber. Einer hält das Boot. Der andere fädelt einen weiteren Steinklotz mit Loch in die Muring. In dieser misslichen Lage, die alle Sinne fordert, kommt auch noch Besuch daher. Es ist der Neufundländer und sein Bruder. Sie wollen die vergessene Sonnenbrille abholen. Die Frage stellt sich schon, ob ich mit meiner speziellen Kluft aus dem Wasser steigen kann? Die beiden am Strand sind zumindest nicht unattraktiv. Nun denn, letztendlich wir haben einen netten Plausch. Des Bruders Aufenthalt in Deutschland war eine tolle Zeit, hervorragendes Essen, nette Leute, alles so sauber und alles funktioniert. Sie sind auf dem Weg nach Fortress Louisbourg, der Verwandtschafts-Clan trifft sich dort. Ich dränge Walter dazu, noch einen Anker zu setzen.
GERÄUSCHE
Zuhause haben wir es gerne so ruhig, wie möglich. Der Kühlschrank ist mit 30 dB ein Leiseflüsterer. Die Spülmaschine kaum hörbar, die Waschmaschine säuselt meditativ vor sich hin. Hier darf es laut sein. Bei Kühlschränken gibt es keine dB - Angaben. Hier zählen Größe und Leistung. Der Quirl könnte auch als Frühwarnsystem durchgehen. Funktioniert allerdings gut. Waschmaschine und Trockner fordern erheiternd unsere Aufmerksamkeit. Irgendwie ist es rührend, wie sie so tapfer ihrer Bestimmung nachgehen.
ST PATRICK CHURCH, July
Die Kirche Sankt Patrick wird 100 Jahre alt. Einer weiß, das wäre ja nicht alt, gegen europäische Kirchen. 1000 Jahre könnten die aufweisen und mehr. Und Gotik und Barock! Die Großväter hätten St. Patrick's gebaut und die Namen, unterschrieben auf einer Holzschindel, seien bei Renovierungsarbeiten ans Licht gekommen. Eine Jubiläumsmesse wird abgehalten. Der Priester geht durch die Reihen und begrüßt die Altvorderern per Handschlag. Hier eine Geste, da ein Wort. Der Gottesdienst beginnt. Der Priester weiß lustige Anekdoten einzuflechten und immer wenn die Aufmerksamkeit abzugleiten droht, holt er die Gemeinde wieder ein. Aus vollen Kehlen singen wir den Refrain mit. Glory und Halleluja...
LASTING DRAMA
Morgens um 7 Uhr. Ein Schauspiel sucht seines Gleichen. Dichter Nebel lässt keinen Blick auf die nahe am Ufer liegenden Inseln zu. Auch das Boot wird vollständig vom dichten Nebel verschluckt. Die Sonne scheint und beleuchtet den Nebel. Spinnen haben seltsame Netze auf dem Gras gesponnen, wie seidige Dächer, entworfen von Künstlerhand. Der Tau hat sie sichtbar gemacht. 23 Grad. Kein Wind. Absolute Stille. Lasting Drama eben.
CHAIN SAW
Die Motorsäge kommt zu ihrem ersten Einsatz. Die gigantische Wurzel, überwuchert von Unkraut, wird der Holzplatz, soll als Standort für unsere Skulpturenarbeit hergerichtet werden. Die Motorsäge frisst sich butterweich ins Holz der Wurzel. Ich finde, dass ich gerade Großartiges vollbringe und vergesse dabei, dass das Holz schon lange seine einstige Vitalität aufgegeben hat und deshalb alles sehr leicht geht. In einer kleinen Pause, es ist am Ende doch eine schweißtreibende Arbeit, erinnere ich mich, dass wir in meiner Jugend den einen oder anderen Wurzelstock auf unserem Waldgrundstück entfernen haben lassen. Das hat Iwan, ein russischer Waldarbeiter übernommen - die Zeiten ändern sich. Russen belegen die Jachthäfen und wir müssen die Wurzelstöcke selbst raus machen.
CRAB DAY
Wir essen Lobster Chowder bei Seafood in Arichat. Sitzen draußen im Halbschatten, natürlich zur Straße raus. Wir nehmen zwei Lobster mit. Ein Stück weiter können wir in einem Lager vier Krabben abholen. Drei Fischerboote liegen angetäut am Kai. Die schon auf dem Boot fertig verpackten Crabs werden mit kleinen Gabelstaplern in Kühlhäuser gefahren. Kurzer Plausch mit den Arbeitern. Eine riesige Krabbe schaut mich an. Schwungvoll ab in die mitgebrachte Eisbox. Zuhause angekommen geht's ans Eingemachte. Die Crabs werden unten am Ufer vorbereitet. Gegessen wird nur das Muskelfleisch in den Beinen und Scheren. In einem riesigen Topf werden die Teile 23 Minuten gedämpft. Die Lobster 5 Minuten länger. Das Ganze findet in der Garage mit einem Propangas-Kocher statt. Aussicht auf ein fröhliches gemeinsames Essen.
MICMACI
Das POW WOW in der Nähe von St. Peters beginnt mit der Aufforderung für die Dauer des Einzuges der Tänzer nicht zu fotografieren oder zu filmen, da der Einzug Teil einer Zeremonie ist. Wir sitzen unter einem großen Zeltdach. In einem Tipi brennt ein zeremonielles Feuer. Die Drums und die Gesänge setzen ein und ich bin froh, dass wir nicht gerade im Clinch mit den First Nation sind. Diese hohen, teils gellenden Gesänge erinnern nicht nur an Fürbitten an eine gute Ernte. Tänze für verschiedene Anlässe folgen der Aufforderung an alle Nationen, mit zu tanzen. Ich bin "alle Nationen" und reihe mich ein in die rhythmischen Trommelklänge - nicht ohne meine Mittänzerin aus Neufundland. Walter fühlt sich mit den angebotenen Getränken, Süßigkeiten, Ei-Sandwiches und dem dargebotenen Programm ganz als Gast. Auf dem Heimweg donnert es. Irgendwer schickt einen Thunderstorm.
ROTES KAJAK
Ich bin ich zum ersten Mal mit dem Kajak unterwegs und muss mich für eine Richtung entscheiden. England oder Florida. Ich wähle die ufernahe Linie um ein Gefühl für das Timing zu bekommen. Alles ganz easy. Selbst kleine Wellen können mühelos ausgeglichen werden. Der Weg zurück über den Brook ist ein bisschen abenteuerlich, da ich wegen Low Tide Bodenberührung habe und das Kajak ohne mich besser klarkommen würde.
BLOCKHAUS
Wo ist nur das Kanada mit undurchdringlicher Wildnis, einsamem Blockhaus und klarem Quellwasser? Heute erleben wir das. Mit dem schnellen Motorboot überqueren wir das Wasser und steuern die gegenüberliegenden Inseln an. Hier hat jemand seinen persönlichen Traum von einem erfüllten Leben realisiert. Das Material wurde nur mit Kanu und Kajak dorthin geschafft. Um Netz für sein Handy zu haben, muss er zur Spitze der sandigen Landzunge paddeln. Das Blockhaus, errichtet mit dem dort wachsenden Holz. Mit einfachen Werkzeugen bearbeitet. Hier gibt es alles, was Mann braucht. Bettstatt, Ofen, Licht, ein paar Gläser, ein Topf, ein Tisch und selbstgemachte Stühle. Außen eine Feuerstelle. In der mit Steinen gefassten Quelle lagern zwei Flaschen Bier zur Kühlung. Wir könnten gerne die Hütte besichtigen, sollen uns ins Gästebuch eintragen, damit der Besitzer Bescheid weiß. Mit sicherer Hand steuert Francis durch die Gewässer der Inselwelt und bringt uns zurück zu unserem Brook.
3 p.m In Zeiten von Navi und Handy haben wir wenig Kartenwerk und selbst Google gibt nicht genau diese Inseln wieder, die Walter mit seinem Segelboot ansteuert. Der ADAC WANDERFÜHRER - wer hätte das vermutet - hat sie alle drauf. Selbst Wanderwege, die an gemeinsamen Abenden mit Nachbarn nur vage beschrieben werden, sind präzise angezeigt! Auf zu den Whiteside Waterfalls!
5 p.m. Das Rauschen des Windes in den Bäumen einfangen, die Lichtreflexe der sanften Brandung festhalten, den Moment bewahren. Das wär's. Dazu ein Sundowner mit Weißwein und Erdnüssen.
10 p.m. Die Bestellung im Internet wird abgeschlossen mit dem Hinweis: Lieferung ca. 4-5 Tage nach Europa. 5-10 Tage Rest der Welt. Abgelegene Gebiete können längere Lieferzeiten bedeuten. Mal sehen, Rest der Welt, oder?
IM RESERVAT
Auf Chapel Island findet heute die Fortsetzung des PowWow statt. Schon die Überfahrt gestaltet sich spannend. Wir, Brenda, Francis, Frank, Walter und ich, werden mit vielen anderen am Ufer von einem Workboat abgeholt. Ein stattlicher Kran thront in der Mitte des Bootes. Wir überqueren die kurze Strecke zur Insel mühelos und als es beim Anlegen nicht bis zum trockenen Ufer reicht, wird kurzerhand eine ausgehängte Holztüre als Steg benutzt. Danach kann sie wieder ihrer Bestimmung dienen. Die weiße Kirche wirkt wie aus der Zeit gefallen, herausgeputzt, mitten im Grün, stahlblauer Himmel. Innen eine Taufe, die Türen weit geöffnet, Father Duncan, den wir schon kennen, streicht über Kinderköpfe, schüttelt die Hände, segnet. Später finden die Feierlichkeiten außen statt, auf dem Deck. Wir stellen unsere Campingstühle auf und legen die Decke bereit. Die Herren auf den Stühlen, die Damen auf der Decke davor. Unsere First Nation Gruppe, die vor uns sitzt, macht es genau umgekehrt. Die Dame (älter als wir) sitzt und der Mann lehnt neben ihr im Gras zu ihren Füßen liegend.
Der Bischof zieht ein im vollen Ornat, mit Gefolge. Wir stehen auf zum Gebet. Auf den Bänken, nicht zu übersehen, zwei gut ausgestattete Männer. POLICE und ein abgeordneter MOUNTY in auffallend roter Montur. Links daneben eine kleine Schar Kinder in langen weißen Kleidern und Kränzen im Haar. Vielleicht Kommunion? Und dann war da noch der Häuptling mit Federschmuck in Hintergrund. Als Repräsentant der First Nation und Gegenpart zum Bischof. Die Messe endet mit der Ernennung eines neuen Häuptlings der MicMac Gemeinde, der mit großem Applaus von allen begrüßt wird. Die Prozession zur geschmückten Anhöhe hinauf beginnt. Eine Scene, die an die großen Scenenbilder von Ludwig Thoma erinnert.
Wir treten den Rückweg an. Und sind nicht die Einzigen. Der Fahrer des großen Workboats ist noch bei der Prozession. Die kleinen Boote nehmen jeweils 6 Leute auf. Keiner zählt mit. Einer geht noch! Da kommt noch ein Boot angerauscht. Ein Junge am Steuer. 10 bis 12 Jahre alt. Lacht, er wäre der beste Überfahrer, alle sollen mit ihm fahren. Jungen springen vom nahen Steg ins Wasser. Helfende Hände für die ankommenden Boote. Ältere Leute, hier ein Gehstock, da eine unüberwindbare Höhe zum wippenden Ponton. Kleine Kinder. Fülle. Der Bootsrand zum Wasser, sehr nah. Glücklich einen sicheren Platz im gut gefüllten Boot ergattert. Wir fünf. Und mehr. Was für ein Tag. Rührend.
SWIM THE CANAL
Thunderstorm ist gemeldet und wir wollen eigentlich bei "Swim The Canal" mitmachen. Die Strecke ist 800 Meter und führt vom Bras D'Or Lake über die Schleuse zum Atlantik. Man wird wirklich schwimmend geschleust. Wir überlegen hin und her, wann wir das letzte mal 800 Meter am Stück geschwommen sind und ob wir uns am Rand irgendwo festhalten und ausruhen können? Keiner möchte sein Leben wegen eines Events in St. Peter's am Rande der Weltmeere aushauchen! "Great fun", wird uns von zwei Lifeguard-Jungs versichert. Und als wir dann die Ankömmlinge sehen - kleine Kinder mit Schwimmnudeln - kleine Gruppen von bestgelaunten Jugendlichen - eine fitte Oma in freudiger Erwartung des Ereignisses, vom Parkplatz kommend, gekleidet im Schwimmkleidchen mit Schwimmreifen - sind unsere letzten Zweifel dahin. Das können wir auch! - Ein Donnerhall und das nahende Wetter macht unserem zögerlich erwachenden Mut ein jähes Ende. Es wird zwar nur ein andauernder Regen, aber wir vertagen das Schwimmereignis auf nächstes Jahr. Ganz bestimmt!
BLUE SEA STARS
In der Marina von St. Peter's liegt Terry's Boot. Wir sind um 17 Uhr mit ihm verabredet. Das chicke Boot bringt uns mit seinen 2 x 300 PS Motoren mühelos über die enorme Fläche des Bras d'Or Lake. Die freie Fläche erreicht, wird mal Speed gegeben und bei 100 km/h - macht das Boot ganz locker - fliegen wir über den glitzernden See. Jet-Set-Feeling, für einen Moment. Die Pause kann außergewöhnlicher nicht sein: wir fahren in eine stille Bucht, ein Naturhafen vom Feinsten. Seegras, drei Segelboote ankern weiter drüben. Man genießt die besondere Abendstimmung. Klares Wasser. Blaue Seesterne.
KUNST IST SCHÖN, MACHT ABER VIEL ARBEIT
sagte einst Karl Valentin. So werfen wir uns also ins Zeug - die volle Montur- und beginnen unsere Arbeit mit der Kettensäge und den vorbereiteten Stämmen. Andi braucht keine Sicherheitskleidung, er bleibt barfüßig, weil er schon in frühester Jugend mit der Sägerei zu tun hatte und gar nicht dran denkt, die Kurze gegen Sicherheitshosen einzutauschen! Die ersten Schnitte sind gemacht, die Sitz-Skulptur nimmt Formen an. Caro hält natürlich exakt zwei Schulstunden ein und ist fertig. Ich mache natürlich wieder ewig rum! Macht riesig Spaß!
FULL HOUSE
Francis' vier Töchter sind 3 Wochen lang zu Besuch, mit Ehemännern und Enkelkindern. Wir sollen abends vorbeikommen. Uns werden weitere 10 Autos erwarten, Brenda und die Tochter haben Geburtstag und die gesamte Verwandtschaft ist angereist. Der Bruder hat 10 Kinder und die haben jeweils 3 Kinder... Wir mitten drin, Foto mit uns als deutsche Gäste. Francis MacEachern weicht nicht von Walters Seite. Francis White amüsiert sich, als Nico meint, der Erfolg oder Misserfolg des Fischfangs könnte mit der roten Farbe des Bootes zusammenhängen. Andi ist hoch im Kurs, weil er handwerklich ne Menge zu bieten hat. Wir werden heimfahren, mit einem Kofferraum voller geliehener Werkzeuge.
WINTERQUARTIER
Das Boot braucht ein Wahnsinns-Gedöns, bis es von der Boje zum Trailer - mit Traktor und Trailer aus dem Wasser - Mast und Baum abgebaut - vom Trailer ins Gras gehoben - vom Traktor in die Höhe gehüsert - mit dem Kärcher abgesprüht - mit Seife und Schwamm geschrubbt - Drei Männer beraten, was am besten als nächstes getan werden muss, was unerlässlich ist, was keinesfalls sein darf. Dann ab in die Garage! Glücklicherweise fällt mir ein, dass ich noch Verschiedenes für unsere die nächste Brotzeit zu besorgen habe.
Time to say good bye
Mit Sandwiches, Bier und Wein verabschieden wir uns von unseren Nachbarn.
Alles, was ich hier erlebe, berührt mich im hintersten Winkel meiner Seele. So, als ob ich dort meine Jagdgründe habe, ich dort hingehöre.